Sei verlässt Cosmos und setzt vollständig auf EVM: Kann das Giga-Upgrade den Durchbruch beim Mehrwert bringen?

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Aktualisiert: 07.04.2026 09:11

Anfang April 2026 hat das Sei Network die letzte Phase seines SIP-3-Upgrades offiziell abgeschlossen. Einst bekannt für seine Cosmos SDK + EVM Dual-Chain-Architektur, ist diese leistungsstarke Layer-1-Blockchain nun vollständig aus dem Cosmos-Ökosystem ausgetreten und hat sich zu einer reinen EVM-Blockchain gewandelt. Vom Höhepunkt des Mainnet-Launchs im Jahr 2023 bis zum aktuellen Zeitpunkt, an dem der Preis um über 60 % korrigiert hat, spiegelt Sei’s mutige Neuausrichtung sowohl die interne Logik technologischer Weiterentwicklung als auch die Überlebensangst angesichts des verschärften Wettbewerbs unter Layer-1-Protokollen wider.

Dieser Artikel liefert eine multidimensionale Analyse der technischen Substanz von SIP-3, des Migrationszeitplans, der Marktreaktionen, institutioneller Partnerschaften sowie des Wettbewerbsumfelds von Sei im Vergleich zu führenden Blockchains wie Solana. Letztlich soll eine zentrale Frage beantwortet werden: Wie groß sind Seis Erfolgschancen, nachdem es seine Dual-Chain-Identität aufgegeben und voll auf EVM gesetzt hat?

Vom Dual-Chain zur reinen EVM: Eine entscheidende architektonische Verschlankung

Die architektonische Transformation von Sei war keine spontane Entscheidung. Im Mai 2025 genehmigte die Sei-Community die Governance-Initiative SIP-3 und ermöglichte damit einen langfristigen Plan, das Netzwerk von einer Cosmos–EVM-Dual-Architektur zu einer reinen EVM-Chain umzubauen. Nach fast einem Jahr stufenweiser Umsetzung wurden im ersten Quartal 2026 alle Kernmodule erfolgreich migriert.

SIP-3 wurde in drei Stufen umgesetzt. Version 6.3 ging im Januar 2026 auf dem Testnet live und migrierte sämtliche Staking-Funktionen auf die EVM-Schnittstelle. Version 6.4 wurde im Februar ausgeführt und deaktivierte offiziell eingehende IBC-Transfers – Cosmos-native Token (darunter ATOM und USDC.n) konnten nicht mehr in Sei eingebracht werden. Version 6.5 startete im März und entfernte das native Oracle von Sei, das durch etablierte externe Lösungen wie Chainlink, API3 und Pyth ersetzt wurde. Anfang April waren alle Codeänderungen auf dem Mainnet wirksam. Laut offizieller Sei-Dokumentation können nach dem Upgrade nur noch EVM-Adressen Transaktionen initiieren; sämtliche Cosmos-Nachrichtenfunktionen wurden entfernt und als veraltet markiert.

Die Kernimplementierung von SIP-3 war Ende Q1 2026 abgeschlossen, und seit Anfang April arbeitet Sei Network nun als reine EVM-Chain.

Zur Begründung dieser Transformation verwies Sei Labs-Mitgründer Jay Jog auf eine klassische Analogie aus dem Automobilbau: Um ein Auto schneller zu machen, kann man entweder mehr Leistung hinzufügen oder Gewicht reduzieren. Um es wirklich schnell zu machen, muss man beides tun. SIP-3 steht für die Gewichtsreduktion, das Giga-Upgrade für die Leistungssteigerung. Laut Sei Labs wurden durch die Migration Hunderttausende Zeilen Cosmos-bezogenen Codes entfernt, wodurch die Komplexität der Protokollwartung und die Redundanz der Ausführungspfade deutlich verringert wurden.

Aus technischer Sicht bedeutet der Verzicht auf die Dual-Chain-Architektur, dass Sei nicht mehr zwei Ausführungsumgebungen pflegen muss. Das Entwicklerteam kann sich nun vollständig auf die Optimierung der EVM-Performance konzentrieren. Der zentrale Trade-off besteht darin, die Interoperabilität mit dem Cosmos-Ökosystem zugunsten höherer Ausführungseffizienz und einer niedrigeren Einstiegshürde für Entwickler aufzugeben.

SIP-3 Zeitplan und Marktreaktionen

Datum Schlüsselereignis Beschreibung
Mai 2025 SIP-3 Proposal genehmigt Community gibt grünes Licht für den Wechsel von Dual-Chain, Weg frei für Sei Giga
Jan 2026 Version 6.3 Launch EVM-Staking aktiviert, Testnet-Deployment abgeschlossen
Feb 2026 Version 6.4 Ausführung Eingehende IBC-Transfers deaktiviert, Cosmos-Token können nicht mehr eingebracht werden
Mär 2026 Version 6.5 Deployment Native Oracle entfernt, Chainlink/Pyth/API3 integriert
Anfang Apr 2026 SIP-3 vollständig abgeschlossen Cosmos-Nachrichtenhandling veraltet, reine EVM-Chain live

Während der Umsetzung von SIP-3 waren die Marktreaktionen stark gespalten. Einerseits führte die Upgrade-Ankündigung zu einem kurzfristigen Preisanstieg von über 10 % bei SEI-Token. Andererseits zeigen On-Chain-Daten, dass der Total Value Locked (TVL) von Sei in diesem Zeitraum um etwa 7,3 % zurückging, da einige Liquidität temporär abwanderte, während Assets aus dem Cosmos-Ökosystem migrierten.

Stand 07. April 2026, laut Gate-Marktdaten, wurde Sei (SEI) zu $0,05265 gehandelt, mit einem 24-Stunden-Volumen von $296.590, einer Marktkapitalisierung von $3.6061 Millionen und einem Marktanteil von 0,021 %. Der SEI-Preis veränderte sich in den letzten 24 Stunden um -2,50 %, in den vergangenen 7 Tagen um +2,19 %, in den letzten 30 Tagen um -17,84 % und im Jahresvergleich um -63,66 %. Das Allzeithoch liegt bei $1,14, das Allzeittief bei $0,04847. Der Umlaufbestand beträgt 6,85 Mrd. SEI, sowohl Gesamt- als auch Maximalbestand liegen bei 10 Mrd. SEI. Die Marktstimmung wird als neutral bewertet.

Gegensätzliche Narrative: Worüber diskutiert der Markt?

Seis architektonischer Kurswechsel hat zwei stark konträre Narrative im Markt ausgelöst.

Die Kompromiss-Perspektive: EVM siegt, Sei gibt Differenzierung auf

Kritiker argumentieren, dass Sei durch den Ausstieg aus dem Cosmos-Ökosystem zugunsten von EVM seine markanteste Differenzierung aufgegeben hat. Cosmos setzt auf das IBC-Protokoll, das die Souveränität und Flexibilität von Anwendungsketten in den Mittelpunkt stellt, während EVM von den Netzwerkeffekten der Ethereum-Entwickler und der Liquiditätsbündelung profitiert. Einige Beobachter sehen Seis Schritt als implizites Misstrauensvotum gegenüber der Zukunft von Cosmos. Auf Plattformen wie Gate Square kommentieren Nutzer, dass die Dual-Chain-Architektur das Alleinstellungsmerkmal sein sollte – jetzt ist es ein Kompromiss. EVM ist zwar leistungsfähig, aber dem Mainstream zu folgen wirkt wenig inspirierend, und der entschlossene Abschied vom ursprünglichen Dual-Chain-Design ist für die frühen Architekten unangenehm.

Die pragmatische Sicht: Public Chains sollten dort sein, wo die Entwickler sind

Befürworter betonen die inzwischen unumkehrbare Dominanz von EVM im Entwickler-Ökosystem – über 90 % der dezentralen App-Entwicklung findet auf EVM-kompatiblen Chains statt. Zwar führte Sei mit v2 parallele EVM-Ausführung ein, das Festhalten an der Cosmos-Schicht zwang Entwickler aber dazu, zwei Paradigmen zu lernen und erhöhte die kognitive Einstiegshürde. Durch den Wechsel zur reinen EVM können Entwickler Standard-Tools wie MetaMask, Hardhat und Foundry nutzen und Solidity-Verträge ohne Anpassungen deployen. Aus dieser Perspektive ist der Abschied von Cosmos kein Kompromiss, sondern eine rationale Antwort auf die Marktgegebenheiten.

Die spekulative Sicht: Können technische Upgrades Wert generieren?

Eine neutralere, aber tiefere Perspektive sieht die technische Architektur als das eine, die Wertgenerierung als das andere. Sei verzeichnet aktuell über 1,4 Millionen täglich aktive Adressen – der höchste Wert unter EVM-kompatiblen Chains – doch der TVL liegt nur bei etwa $185 Millionen bis $250 Millionen, weit unter dem, was die Nutzerbasis erwarten ließe. Die Diskrepanz zwischen Nutzeraktivität und TVL deutet darauf hin, dass viele On-Chain-Aktivitäten spekulativ oder von geringem Wert sind und echte finanzielle Anwendungsfälle noch fehlen. Ob SIP-3 dies ändern kann, hängt vom Tempo des Giga-Upgrades und dem Rollout institutioneller Anwendungen ab.

Sei Autobahn Upgrade: Das technische Versprechen von 200.000 TPS

Mit der abgeschlossenen SIP-3-Verschlankung steht als nächster Meilenstein das leistungsorientierte Giga-Upgrade an. Das Sei Autobahn-Konsensverfahren bildet das Herzstück und soll den Netzwerkdurchsatz auf über 200.000 Transaktionen pro Sekunde (TPS) steigern, bei einer Blockfinalität von unter 400 Millisekunden.

Technisch nutzt Sei ein optimistisches paralleles Ausführungsmodell, das konzeptionell dem Sealevel-Mechanismus von Solana ähnelt – beide ermöglichen die gleichzeitige Ausführung mehrerer nicht-konfliktierender Transaktionen. Der Unterschied: Bei Sei erfolgt die Parallelisierung automatisch; Entwickler müssen keine Account-Abhängigkeiten explizit deklarieren wie bei Solana. Laut offizieller Sei-Dokumentation beträgt die Blockzeit der Sei EVM 400 Millisekunden, was Solana entspricht, aber die Finalität (Abschluss innerhalb eines Blocks) ist deutlich schneller als Solanas 2,5 bis 4,5 Sekunden.

Im Bereich Entwickler-Tools startete Sei im Januar 2026 ein Infrastruktur-Mesh, das führende EVM-Infrastruktur-Anbieter wie Alchemy, Infura und QuickNode direkt in die parallele Blockchain integriert. Diese Anbieter verarbeiten gemeinsam über $100 Milliarden jährliches Transaktionsvolumen und bedienen Top-Anwendungen wie OpenSea und MetaMask. Zudem sollen integrierte Wallet-Lösungen von Privy und Dynamic die Abbruchrate bei Wallet-Erstellung von 70–90 % auf unter 20 % senken.

Obwohl der technische Fahrplan des Giga-Upgrades realistisch ist, muss das Ziel von 200.000 TPS noch unter echter Mainnet-Last validiert werden. Bislang liegen keine unabhängigen Drittanbieterberichte zur Performance vor, daher sollte diese Zahl als Designziel und nicht als erreichte Leistung betrachtet werden.

Institutionelle Narrative: Können RWA-Partnerschaften Wert verankern?

Neben SIP-3 steht Sei’s Vorstoß in die Tokenisierung realer Vermögenswerte (Real World Assets, RWA) im Fokus. Seit der zweiten Jahreshälfte 2025 wurden Partnerschaften mit mehreren führenden Asset-Managern angekündigt.

Über die Securitize-Plattform wurden BlackRocks ICS U.S. Dollar Liquidity Fund und der Brevan Howard Macro Fund tokenisiert und auf Sei gebracht. Apollo Global Management (mit rund $840 Milliarden verwaltetem Vermögen Stand 2025) emittierte tokenisierte ACRED-Diversified-Credit-Fonds auf Sei via Securitize. Auch Hamilton Lane und weitere haben konforme tokenisierte Fondsprodukte auf Sei deployt.

Obwohl diese Partnerschaften öffentlich sind, befinden sich die meisten noch in der Pilotphase. Die On-Chain verwalteten Vermögenswerte belaufen sich aktuell auf rund $100 Millionen – ein Pilotmaßstab im Vergleich zum Multi-Billionen-AUM der Partner.

Strategisch geht es darum, den Layer-1-Wettbewerb von TPS-"Wettrennen" auf Asset-Kapazität zu verschieben – wer mehr reales Kapital verwahren und institutionelles Vertrauen gewinnen kann, hat einen Vorteil. Im Gegensatz zu Solanas Fokus auf Consumer-Apps oder Sui’s Innovationsschwerpunkt will Sei sich als Settlement-Layer für institutionelle Vermögenswerte positionieren.

Ob das RWA-Narrativ zu nachhaltiger On-Chain-Ökonomie führt, hängt von drei Faktoren ab: regulatorische Klarheit, Securitize’s Fähigkeit, weitere Asset-Manager zu gewinnen, und Seis Kapazität für institutionelle Hochfrequenz-Abwicklung. Alle drei befinden sich noch in der frühen Validierung und sind mit Unsicherheiten behaftet.

Sei vs. Solana: Unterschiedliche Wege oder konvergierende Zukunft?

Der Vergleich zwischen Sei und Solana ist letztlich eine Debatte über zwei EVM-Kompatibilitätsstrategien.

Solanas Hauptvorteil ist sein bewährtes großflächiges Nutzer-Ökosystem und die ausgereifte DeFi-Anwendungspalette. Solana weist ebenfalls hohe tägliche Nutzerzahlen auf, setzt für EVM-Kompatibilität jedoch auf Drittanbieter-Lösungen wie Neon EVM und nicht auf native Unterstützung. Sei bietet hingegen native EVM plus parallele Ausführung – Entwickler können Solidity-Verträge direkt deployen und erreichen nahezu Solana-Geschwindigkeit, ohne Kompatibilitätsschichten.

Diese technischen Entscheidungen spiegeln unterschiedliche Ökosystemstrategien wider: Solana hält eine unabhängige Ausführungsumgebung (Sealevel + SVM) und bindet EVM-Liquidität über Kompatibilitätsschichten an; Sei setzt voll auf EVM-Standards und verzichtet auf technische Einzigartigkeit zugunsten einer niedrigeren Einstiegshürde für Entwickler. Kurzfristig dürfte Seis Weg mehr Ethereum-Entwickler anziehen; langfristig ermöglicht Solanas Unabhängigkeit größere Innovationen auf Protokollebene.

Seis offizielle Dokumentation enthält sogar einen Leitfaden für Solana-Entwickler, die auf Sei EVM migrieren möchten, und hebt die vertraute Parallelisierung und 400 ms Blockzeiten als zentrale Vorteile hervor. Das deutet darauf hin, dass Sei Solana nicht als reinen Wettbewerber sieht, sondern als Ökosystem, dessen Entwicklerressourcen es gewinnen möchte.

Szenarioanalyse: Drei mögliche Wege für Sei

Szenario 1 | Optimistischer Weg

Das Giga-Upgrade liefert unter realen Mainnet-Bedingungen 200.000 TPS, die RWA-Partnerschaften wachsen über die Pilotphase hinaus und institutionelles Kapital fließt kontinuierlich ein. In diesem Szenario wird Seis Aktivitätsvorteil (1,4 Millionen täglich aktive Adressen) in TVL-Wachstum und einen Tokenpreis umgesetzt, der die Netzwerkaktivität widerspiegelt. Erfolgsbedingungen: Keine gravierenden technischen Mängel beim Upgrade und mindestens 3–5 führende Asset-Manager nutzen Sei als primäre Settlement-Chain.

Szenario 2 | Basisszenario

Das Giga-Upgrade erreicht teilweise die Performanceziele (z. B. 50.000–100.000 TPS), und die RWA-Partnerschaften bleiben stabil, wachsen aber langsam. Sei etabliert sich unter den schnellen EVM-Chains, kann Solana und Ethereum-L2s aber nicht in der Dominanz herausfordern. TVL wächst moderat und der Tokenpreis folgt den Marktzyklen, mit Bewertungen ähnlich vergleichbaren Projekten.

Szenario 3 | Pessimistischer Weg

Das Giga-Upgrade stößt auf unerwartete technische Hürden oder institutionelle Partnerschaften stagnieren aufgrund regulatorischer oder marktbedingter Herausforderungen. Die aus Cosmos abgewanderte Liquidität wird nicht durch neue EVM-Zuflüsse kompensiert, und die Netzwerkaktivität sinkt. In diesem Fall führt die SIP-3-Verschlankung nicht zu Wachstum und Sei fehlt die differenzierte Wettbewerbsfähigkeit im dicht besetzten EVM-Markt.

Fazit

Seis Entscheidung, Cosmos aufzugeben und voll auf EVM zu setzen, zählt zu den meistdiskutierten Architekturwechseln im Layer-1-Bereich des Jahres 2026. Technisch war die Umsetzung von SIP-3 klar und zeitgerecht, die Ingenieursleistung des Teams wurde durch die gestaffelten Rollouts bestätigt. Aus Marktsicht verdeutlicht die Diskrepanz zwischen Preis und Nutzerdaten die anhaltenden Zweifel an der Wertgenerierung. Im Wettbewerb hat Sei einen Weg gewählt, der sich von Solana unterscheidet, aber nicht zwangsläufig abgrenzt – ob native EVM-Kompatibilität und parallele Ausführungseffizienz wirklich das Ethereum-Entwicklerpotenzial erschließen, bleibt die entscheidende Bewährungsprobe dieser mutigen Wette.

Für Branchenbeobachter bietet Seis Transformation eine spannende Fallstudie: In einem Layer-1-Markt, der zunehmend auf Kompatibilität und Entwicklererfahrung setzt, was zählt mehr – technische Differenzierung oder pragmatische Ökosystemstrategie? Die Antwort liegt womöglich nicht im SIP-3-Code, sondern in den Entscheidungen, die Entwickler und Institutionen in den kommenden 12 bis 18 Monaten treffen.

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