Die Graph-Analyse im Detail: Dezentralisierte Datenindexierung und die Neugestaltung des GRT-Werts im Zeitalter der KI-Agenten

Märkte
Aktualisiert: 11.05.2026 07:00

Wenn öffentliche Blockchains die Straßen einer Stadt sind und Smart Contracts die Geschäfte, die diese Straßen säumen, dann ist die Datenindexierung das Navigationssystem dieser Stadt. Ohne Navigation werden selbst die belebtesten Viertel zu undurchdringlichen Labyrinthen. Bis 2026, wenn On-Chain-AI-Agents in großem Maßstab ausgerollt werden – allein auf der BNB Chain sind dann über 122.000 ERC-8004-Agents aktiv – werden zehntausende automatisierte Programme Aufgaben in DeFi-, NFT-, RWA- und weiteren Protokollen ausführen. Dieser Anstieg rückt eine lange übersehene Frage in den Mittelpunkt: Woher beziehen diese AI Agents verifizierbare On-Chain-Daten? Die Antwort verweist auf ein dezentralisiertes Indexierungsprotokoll, das seit Jahren im Einsatz ist – The Graph. Als nativer Token des Netzwerks wandelt sich die Rolle von GRT vom „optionalen Werkzeug" zur „essentiellen Schicht" innerhalb des Blockchain-Ökosystems.

Wenn AI Agents an die Datenwand stoßen

Im ersten Quartal 2026 zeigte sich am Markt ein bemerkenswerter Trend: Mehrere führende DeFi-Protokolle integrierten AI-Agent-Funktionalitäten, sodass Nutzer komplexe On-Chain-Operationen über natürliche Sprachbefehle ausführen konnten. Oberflächlich betrachtet ist dies eine Revolution des Nutzererlebnisses. Technisch gesehen hängt jedoch jede Befehlsausführung von umfangreichen On-Chain-Datenabfragen ab – etwa Transaktionshistorien, Liquiditätstiefen, Preiskurven und Adresskorrelationen.

Solche Abfragen lassen sich nicht effizient direkt von Blockchain-Nodes abrufen. Blockchains sind für Verifizierung konzipiert, nicht für Datenabfrage. Eine scheinbar einfache Anfrage – wie „Finde alle Adressen mit über 100.000 US-Dollar Handelsvolumen auf einer bestimmten DEX in den letzten 30 Tagen" – könnte auf Rohdaten-Nodes Stunden in Anspruch nehmen. Genau dieses Problem löst The Graph, indem On-Chain-Daten vorab in durchsuchbare Indizes organisiert werden, sodass solche Abfragen in Millisekunden beantwortet werden können.

Bis zum vierten Quartal 2025 erreichte die Zahl aktiver Subgraphs im The-Graph-Netzwerk mit 15.539 einen neuen Höchststand, ein Anstieg um 3,0 % gegenüber dem Vorquartal. Laut Statistiken aus dem Graph-Ökosystem hat die Gesamtzahl aktiver Subgraphs die Marke von 50.000 überschritten und deckt über 40 Blockchain-Netzwerke ab. Insgesamt wurden mehr als 1,5 Billionen Abfragen verarbeitet, das vierteljährliche Abfragevolumen liegt konstant über 640 Millionen.

Diese Zahlen zeigen einen klaren Trend: Der Bedarf an Datenindexierung in On-Chain-Anwendungen wächst rasant über DeFi hinaus – hin zu SocialFi, Blockchain-Gaming, RWA, AI Agents und mehr. The Graph ist längst nicht mehr nur eine „DeFi-Datenserviceschicht", sondern übernimmt eine immer zentralere und kritischere Rolle im Ökosystem.

Vom Indexierungsprotokoll zur AI-Infrastruktur

Um die aktuelle Marktposition von GRT zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung von The Graph. Die folgende Zeitleiste zeigt die wichtigsten Meilensteine:

Meilenstein Ereignis Bedeutung für die Branche
2018 Start des The-Graph-Projekts Erste dezentrale Blockchain-Datenindexierung vorgeschlagen
17. Dezember 2020 Mainnet geht live, GRT-Token emittiert Ökonomisches Modell für Indexer, Kuratoren und Delegatoren eingeführt
2023 Über 1 Billion Abfragen verarbeitet Beweist die Umsetzbarkeit für den großflächigen kommerziellen Einsatz
Q3 2024 AI-Agent-Konzept erstmals mit Subgraph-Architektur integriert Legt die Grundlage für die „AI-lesbare Schicht"-Infrastruktur
2. Halbjahr 2025 a16z macht „On-Chain-Markets" zum Kernthema der Investments Datenindexierung rückt ins Zentrum der Infrastrukturdiskussion
Dezember 2025 Horizon-Upgrade eingeführt Wechsel vom Einzel-Subgraph-Framework zur modularen Multi-Service-Datenplattform
Januar 2026 Grayscale nimmt GRT in seinen dezentralen AI-Fonds auf Institutionelle Anerkennung der Rolle von GRT in der AI-Infrastruktur
Q1 2026 Subgraph-Aktivität auf Rekordhoch; 37 % der neuen Token-API-Nutzer sind AI Agents Boom bei AI-Agent-Deployments treibt Indexierungsnachfrage direkt an

Diese Zeitleiste offenbart eine klare Kausalkette: The Graph wurde ursprünglich als Datendienstschicht für DeFi konzipiert, doch die AI-Agent-Explosion hat das Protokoll unerwartet auf eine fundamentalere und kritischere Ebene gehoben. Dieser Wandel ist nicht das Ergebnis einer gezielten Richtungsänderung des Projekts, sondern einer externen Entwicklung der Branchennachfrage.

Die ökonomische Logik hinter dem Subgraph-Wachstum

Der stetige Anstieg der Subgraph-Zahlen ist ein Signal, das es zu entschlüsseln gilt. Es handelt sich um mehr als nur eine technische Kennzahl – es spiegelt strukturelle Veränderungen der ökonomischen Aktivität auf der Blockchain wider.

Erste Ebene: Nachfragegetriebene Transformation

Traditionell wurden Subgraphs überwiegend von DeFi-Protokollteams bereitgestellt, die effiziente Datenabfragen für ihre Frontends benötigten. Anfang 2026 jedoch verschoben sich die Quellen neuer Deployments deutlich. Die Analyse der Token-API-Nutzung durch The Graph ergab, dass 37 % der neuen Nutzer keine menschlichen Entwickler, sondern AI Agents sind. Diese Anwendungen bedienen nicht mehr nur menschliche Seitenaufrufe – sie liefern kontinuierliche Datenströme für automatisierte Programme.

Diese Nachfrage ist grundlegend anders: Während menschliche Nutzer einige Sekunden Ladezeit tolerieren können, benötigen AI Agents deterministische Antworten im Millisekundenbereich. Für einen Arbitrage-Agenten könnte das Ausbleiben einer Datenabfrage innerhalb von drei Sekunden katastrophale Folgen haben. Dadurch wird dezentrale Indexierung von einem „Optimierungswerkzeug" zu einer „Überlebensnotwendigkeit".

Zweite Ebene: Angebotsseitige Anreizgestaltung

Das ökonomische Modell von The Graph baut mehrere Anreizschichten rund um GRT auf. Indexer müssen GRT staken, um am Netzwerk teilzunehmen und Abfragedienste anzubieten; sie verdienen dabei Abfragegebühren und Indexierungsbelohnungen. Delegatoren können GRT an Indexer delegieren und an deren Erträgen partizipieren. Kuratoren setzen GRT als Signal ein, um anzuzeigen, welche Subgraphs priorisiert indexiert werden sollen.

Das Horizon-Upgrade (eingeführt im Dezember 2025) markierte einen entscheidenden Wandel in diesem ökonomischen Modell. Es entkoppelte die Kerninfrastruktur von The Graph von den Subgraphs, sodass jeder Datendienst – nicht nur Subgraphs – unter einem gemeinsamen Rahmen für Staking, Zahlungen und Sicherheit betrieben werden kann. Aktuell haben 100 % der aktiven Indexer auf das Horizon-System migriert, 99,39 % der Abfragen werden über das neue System bedient und insgesamt sind 684 Millionen GRT gestakt.

Die Kernlogik lautet: Die Nachfrage nach GRT ist direkt an die Nutzung von On-Chain-Datenindexierung gebunden. Mit steigender Dichte an AI-Agent-Deployments nimmt die Häufigkeit der Subgraph-Abfragen zu, was mehr Abfragegebühren generiert und den wirtschaftlichen Anreiz für Indexer stärkt, zusätzliches GRT zu staken. Es ist jedoch zu beachten, dass die aktuellen Abfragegebühren im Netzwerk noch relativ begrenzt sind; das ökonomische Schwungrad befindet sich noch im Übergang von „inflationssubventionsgetriebenem" zu „nachfragegetriebenem" Wachstum.

Dritte Ebene: Wettbewerbssituation

Der Markt für dezentrale Indexierung wird nicht von The Graph monopolisiert. Es gibt Alternativen wie Goldsky, Envio, Ormi und SubQuery. Ein bedeutendes Branchensignal: Alchemy stellte seinen Subgraph-Service im Dezember 2025 ein, was The Graphs Indexierungsstandard objektiv als Branchenmaßstab bestätigt. Dennoch wechselten einige Projekte zu schnelleren Wettbewerbern, anstatt vollständig zu The Graph zurückzukehren – das zeigt, dass der Wettbewerbsdruck bestehen bleibt.

Marktstimmung im Fokus: Was wird über GRT diskutiert?

Die aktuellen Diskussionen rund um GRT lassen sich in drei klar unterscheidbare Positionen gliedern, die jeweils in sich schlüssig sind.

Infrastruktur-Optimismus

Dieses Lager ist überzeugt, dass AI-Agent-Anwendungen kurz vor einem explosionsartigen Wachstum stehen und der aktuelle Subgraph-Anstieg erst der Anfang ist. Forscher dieser Gruppe verweisen darauf, dass die Zahl der eingesetzten AI Agents von Januar bis März 2026 von etwa 337 auf über 123.000 gestiegen ist – ein Zuwachs von fast 36.000 % in weniger als 90 Tagen. Jeder Agent benötigt Datenindexierung, und The Graph ist die ausgereifteste dezentrale Lösung für diesen Bedarf. Nach dieser Logik wird die langfristige Nachfragkurve von GRT ein nichtlineares Wachstum aufweisen.

Zu den unterstützenden Argumenten zählen: Grayscales Aufnahme von GRT in seinen dezentralen AI-Fonds im Januar 2026; Prognosen, dass die Agent-AI-Ökonomie bis 2030 auf 4,7 Milliarden US-Dollar anwachsen wird; sowie The Graphs technischer Fahrplan für 2026, der AI Agents als zentrales Servicethema mit einer Multi-Service-Datenplattformstrategie und Produkten wie Token API, Tycho und Amp positioniert.

Skepsis bezüglich Wertabschöpfung

Eine zweite, vorsichtigere Sichtweise hinterfragt die Effizienz der Wertabschöpfung von GRT trotz des ausgefeilten Tokenomics-Modells. Daten aus Q4 2025 zeigen, dass die vierteljährlichen Abfragegebühren lediglich 98.700 US-Dollar betrugen – selbst mit einem Anstieg der GRT-basierten Gebühren um 60,3 % gegenüber dem Vorquartal bleibt der absolute Umsatz bescheiden. Das deutet darauf hin, dass das ökonomische Schwungrad von GRT noch nicht vollständig autark läuft und Indexer weiterhin hauptsächlich auf Protokoll-Inflationsbelohnungen angewiesen sind.

Gate-Marktdaten belegen, dass GRT im vergangenen Jahr um 76,59 % gefallen ist. Skeptiker führen dies als Beweis dafür an, dass der Markt entweder nicht an das langfristige Wertversprechen von GRT glaubt oder die aktuelle Bewertung weiterhin als zu hoch einschätzt.

Middleware-Austauschbarkeit

Ein dritter Standpunkt wirft eine technische Frage auf: Müssen die Datenbedürfnisse von AI Agents zwingend durch ein universelles Indexierungsprotokoll wie The Graph bedient werden? Da AI-Modelle zunehmend lokal ausgeführt werden, könnten manche Anwendungen leichte Indexierungsmodule direkt in die Agents integrieren und so dezentrale Indexierungsnetzwerke umgehen. Sollte sich dieser Ansatz als praktikabel erweisen, könnte dies den Zwischenwert von The Graph erheblich schmälern.

Zudem könnten große Cloud-Anbieter oder AI-Labore künftig AI-Frameworks mit nativer On-Chain-Abfragefunktionalität auf den Markt bringen, die den Datenbedarf der Agents ohne eine dedizierte Indexierungsschicht abdecken.

Branchenanalyse: Drei Hebelwirkungen von GRT

Die Entwicklung von The Graph hat branchenweite Auswirkungen, die weit über das eigene Ökosystem hinausreichen – insbesondere in drei Bereichen.

Erste Dimension: Vertrauensdefinition für On-Chain-AI neu denken

AI Agents, die On-Chain-Aufgaben ausführen, stehen vor einer zentralen Herausforderung: Wenn ihre Entscheidungen auf Daten beruhen, die manipuliert oder gefälscht werden könnten, wird die Verantwortlichkeit für Agentenhandlungen undurchsichtig. Dezentrale Indexierung bietet eine verifizierbare Datenquelle – jedes Abfrageergebnis lässt sich auf die ursprünglichen On-Chain-Daten zurückverfolgen, wobei der Indexierungsprozess von einem dezentralen Netzwerk aus Indexern betrieben wird. Diese Nachprüfbarkeit können zentrale APIs nicht bieten und sie wird zu einem Schlüsselfaktor für die Akzeptanz von AI Agents.

Zweite Dimension: Die DePIN-Erzählung verwirklichen

GRT ist eines der prominentesten Beispiele für das DePIN-Konzept (Decentralized Physical Infrastructure Networks) im Bereich Datendienste. Im Vergleich zu speicher- oder rechenlastigen DePINs bieten Datenindexierungs-DePINs häufiger genutzte und essenziellere Serviceszenarien. Die Betriebsdaten des GRT-Netzwerks aus den Jahren 2025–2026 liefern einen wichtigen Referenzpunkt für die Frage, ob dezentrale physische Infrastruktur ein nachhaltiges ökonomisches Modell aufbauen kann.

Dritte Dimension: Gewinner auf der Infrastrukturebene festigen

Der First-Mover-Vorteil von The Graph, kombiniert mit Netzwerkeffekten, schafft ein schwer reproduzierbares Ökosystem in der Blockchain-Datenindexierung. Diese Dominanz dürfte kurzfristig kaum zu erschüttern sein. Langfristig könnten jedoch Paradigmenwechsel – wie das Aufkommen AI-nativer Indexierungsmechanismen – den Status quo infrage stellen. Die Branche muss daher den Spagat zwischen „Anerkennung des First-Mover-Vorteils" und „technologischer Wachsamkeit" meistern.

Fazit

Im Zyklus der Krypto-Erzählungen ist nicht technische Innovation die seltenste Ressource, sondern robuste Infrastrukturgeschichten. The Graph repräsentiert eine besondere Klasse von Assets: Es erzeugt keine Daten, schreibt keine Smart Contracts und trainiert keine AI-Modelle – aber es entscheidet darüber, ob all diese Elemente effizient funktionieren können. On-Chain-AI-Agents brauchen tatsächlich „Augen", um die komplexe Datenlandschaft der Blockchain zu sehen und zu verstehen, und GRT stellt die entscheidenden neuronalen Bahnen für diese Sicht bereit.

Im Jahr 2026 steht GRT an einem Wendepunkt: Die Zahl aktiver Subgraphs ist auf ein Allzeithoch gestiegen (15.539), 37 % der neuen Token-API-Nutzer sind nicht-menschliche AI Agents, das Horizon-Upgrade ist vollständig ausgerollt und Grayscale hat GRT in seinen AI-Fonds aufgenommen – all das bildet die faktische Grundlage für die Infrastrukturerzählung. Dennoch bleiben die Einnahmen aus Abfragegebühren begrenzt und das ökonomische Schwungrad hat sich in Dollarwerten noch nicht vollständig von Subventions- auf Eigenantrieb umgestellt. Die Brücke vom Fakt zur Wertschöpfung erfordert das Zusammenwirken mehrerer Variablen.

Für alle, die dieses Asset beobachten, sind die wichtigsten Kennzahlen nicht kurzfristige Preisschwankungen, sondern strukturelle Veränderungen bei den Abfragegebühren, Trends bei der Nutzung AI-bezogener Datendienste (wie Token API und Tycho) sowie signifikantes Wachstum neuer Gebührenquellen unter der Horizon-Multi-Service-Architektur. Diese Indikatoren werden zeigen, ob GRT ein unterbewertetes Fundament der Infrastruktur ist oder eine in sich schlüssige These, deren vollständige Realisierung noch bevorsteht.

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